Alles begann mit dem ersten Informationstreffen bei den Missionaren Identes in Berlin. Mein Interesse war sofort geweckt und ich war hingerissen von dem Gedanken nach Indien zu reisen, das erste Mal Europa zu verlassen und ein exotisches Abenteuer zu erleben.
Nach vielen Vorbereitungen und Treffen mit den Missionaren, flog ich am 2. August von Berlin nach Kochi, Kerala „Gods own country“. Die Luft war schwer, nass und sehr warm, obwohl es ein wenig regnete – es war Monsoonzeit. Ich wurde von zwei Schwestern mit dem Taxi vom Flughafen abgeholt und auf der Fahrt zum Haus konnte ich meine Augen nicht genug aufreißen. Ich wollte alle Eindrücke, Sonderbarkeiten und alles Neue in mich aufsaugen. Das war doch der Grund, warum man überhaupt in fremde Länder reist – neue Erfahrungen! In diesem Moment war alles perfekt, mein Traum war in Erfüllung gegangen. Doch noch war ich nicht am endgültigen Ziel angekommen und als wir durch das Tor auf das Grundstück der Missionare fuhren wurde ich nochmals sehr nervös. Aber das Bild, was sich mir bot, war bezaubernd. Alle Mädchen standen versammelt, mit Blumen und einem weißen Lächeln im Gesicht im Eingang, um mich zu begrüßen. Ihre leuchtend bunten Kleider und die langen schwarzen Haare, sahen aus wie aus einem Werbekatalog für eine Traumreise nach Indien. So begann mein  halbes Jahr in einer neuen, fremden Welt, die mir ein zweites zu Hause geworden ist.

Es gibt einen festen Tagesablauf in Abba Karun Nivas (auf Deutsch: Das Haus unseres Himmlischen, barmherzigen Vaters), dem Haus für mehr als 30 Mädchen. Alle stehen zusammen auf Beten und Frühstücken gemeinsam, um danach zum College zu gehen. Nur die Mädchen, die das erste Jahr in dem Haus verbringen, bleiben zu Hause, um ihre Englischkenntnisse zu verbessern und das Mittagessen zu kochen. Ich hatte die Aufgabe jeden Tag zwei Stunden Englischunterricht zu geben, beim Mittagessen zu helfen und auch sonst die Mädchen bei allem zu begleiten, was sie taten. Der Englisch Unterricht, soll den Mädchen nach einem Jahr intensivem Lernen ermöglichen, ins College gehen zu können und die bestmögliche Bildung zu erhalten. Daher wird im Haus fast ausschließlich Englisch geredet. Für meine Bemühungen eine gute Stunde vorzubereiten, wurde ich immer belohnt. Am Anfang hat mich diese ehrliche Dankbarkeit der Mädchen überwältigt. Doch sie half mir wesentlich, mich in meine Aufgaben einzufinden und ich schloss alle schnell ins Herz.
Nach dem Mittagessen haben wir alle zusammen die Massen und Berge an Geschirr gespült und hatten dann eine Stunde Pause, in der ich meist geschlafen habe. Nach der Mittagspause ging es nach draußen in den großen Garten, der das Haus komplett umhüllt. Und es war nicht einfach sich um so eine große Fläche zu kümmern und diese sauber zu halten. Blätter fegen, Bäume beschneiden, Rasen mähen und natürlich alles gießen… Die Arbeit hört eigentlich nie auf, aber wenn ich während der Arbeit die Natur und Pflanzen auf mich wirken gelassen habe, habe ich mich wie in einem Paradies gefühlt. Überall blühen die exotischen Blumen, die verschiedensten Vögel zwitschern und es ist angenehm kühl durch den Schatten der Palmen.
Am Nachmittag wird gemeinsam die Messe gefeiert und anschließend zu Abendbrot gegessen. Der Abend gestaltet sich dann doch immer ein bisschen unterschiedlich. Viele der Mädchen lernen fürs College, manchmal wird ein Film für alle gezeigt, oder es gibt weiteren Sprachunterricht in Spanisch oder Französisch.

Im August fand eine Versammlung der Idente Jugend aus ganz Indien in Kochi statt, als Vorbereitung für das nächste Universale Jugendparlament 2014 in Berlin. Die Jugendlichen kamen unteranderem aus Delhi und Bangalore. Es wurden die Probleme der Jugend in ganz Indien angesprochen, thematisiert und diskutiert. Für mich war es sehr beeindruckend zu sehen, wie engagiert  die Inder sind, die Gesellschaft, in der sie leben, zu verbessern und zu verändern.
Ich habe mit einigen Mädchen angefangen regelmäßig zu basteln. Dabei sind Perlenanstecker, Lesezeichen, Schachteln und noch vieles weitere entstanden. Ein besonderes Projekt wurde der Adventskalender, den ich nur mit meiner Englischklasse vorbereitet habe. Jeder durfte ein Fenster öffnen und es war eine große Freude zu sehen, wie neugierig und wie viel Spaß sie dabei hatten. Außerdem haben wir den gesamten Dezember neue Figuren für eine große Krippe draußen aus Draht und Pappmaschee gebastelt.


In der Zeit, die ich in Indien verbringen durfte, gab es viele verschiedene Feste und Feiern, an denen ich teilgenommen habe. Die indische Kultur, habe ich als eine Mischung aus vielen verschieden Religionen und auch Traditionen empfunden, die sich miteinander verbinden oder nebeneinander bestehen. Alle feiern alle Feste, egal welcher Religion sie angehören, ob Hindus oder Muslims oder Christen. Das Weihnachtsfest wird genauso gefeiert, wie das Devali (Lichterfest) der Hindus. Ich hatte das Vergnügen das Onam Fest zu feiern, was ein typisches Fest für Kerala ist. Das war auch meine erste Begegnung mit typisch indischem Essen = scharf! In Abba Karun Nivas gibt es jeden Tag mittags und abends Reis, aber durch die unterschiedlichen Currys, die immer frisch zubereitet sind, konnte ich mich auch daran schnell gewöhnen.

Ich habe die Missionare auch auf zwei Reisen begleiten dürfen. Die eine Reise ging nach Coimbatore, wo wir zwei Mädchen abgeholt haben. Die meiste Zeit haben wir im Zug gesessen und ich habe jede Minute genossen und die Landschaft bewundert. Die Züge sind ein wenig ähnlich zu Viehtransportern, aber so hat die Fahrtluft ständig durch den total überfüllten Wagon geweht. Es war ein einmaliges Erlebnis, das ich jederzeit wiederholen würde. Meine zweite Reise ging weiter in den Süden nach Thrivandrum. Diese war natürlich auch mit einer ziemlich langen Zugfahrt verbunden, aber die Unbequemlichkeiten wurden durch einen kurzen Besuch eines Hindu Tempels wieder entschädigt.

Als ich meine freiwillige Arbeit in Abba Karun Nivas beendet hatte, bin ich noch eine Woche nach Delhi geflogen und konnte da meinen touristischen Interessen freien Lauf lassen. Neben dem Taj Mahal habe ich den Akshardam Temple gesehen und natürlich auch das Gate of India. Nach einem halben Jahr im fernen Osten musste ich wieder nach Deutschland zurückkehren, aber ich werde diese Zeit niemals vergessen. Ich habe sehr viel bekommen und gelernt, abgesehen davon, dass ich gelernt habe wie man eine Kokosnuss aufschlägt, einen Saree wickelt und einen Fisch ausnimmt, habe ich die Fröhlichkeit und Zufriedenheit, die viele Menschen auch nur mit kleinen Dingen haben, erfahren. Ich habe dadurch eine andere Sichtweise auf die Welt und ihre Probleme bekommen, die ich sehr wertschätze und die mich mein Leben lang begleiten wird.