Peru

„Ans andere Ende der Welt“

20.09.15, 7:35 Uhr – der Flieger hebt ab, es gibt kein Zurück mehr. Erst Madrid, dann direkt über den atlantischen Ozean nach Lima – ans andere Ende der Welt. Meine Gefühle waren unbeschreiblich. Das erste Mal so weit weg von meiner Familie und von allem, was ich kannte. Es kam mir vor, als würde mich jemand ins kalte Schwimmbecken hinein werfen, ohne dass ich schwimmen konnte. Mit einem Wörterbuch, in dem als Lesezeichen Fotos von meinen Liebsten hinein gelegt waren und meinen Notizen aus dem Spanischunterricht saß ich am riesigen Flughafen in Madrid, neben mir, hinter mir, vor mir, kleine sympathische dunkelhaarige Menschen mit einem von mir deutlich dunkleren Hautteint – „ich wette, das sind Peruaner“. Trotz der vielen Ängste und Sorgen hatte ich tief in mir verankert eine unglaubliche Vorfreude auf all das, was mich die nächsten zwei Monate lang erwarten wird. Insgesamt 18 Stunden dauerte es, bis ich am Flughafen in der Hauptstadt Perús landete. Alles Negative verschwand, als ich die glücklich strahlenden Gesichter und die offenen Arme von Schwester Pilar und Schwester Miriam sah. Sofort war mir klar – ich bin hier willkommen und es war die absolut richtige und einzige Entscheidung sich auf diesen Plan Gottes einzulassen.

Lima ist eine verrückte, lebendige und interessante Stadt an der Küste des pazifischen Ozeans. Offiziell leben hier ca. 9 Mio. Einwohner, das Klima ist trotz der Nähe zum Meer sehr trocken und im Frühling herrschen ziemlich milde Temperaturen um die 15 Grad Celsius – ein angenehmes Klima auf Meeresspiegelniveau trotz einer Wolkendecke, die ab und zu einige direkte Sonnenstrahlen durchlässt.

Am zweiten Tag meines Aufenthalts bei den Missionarinnen Identes in einem wunderschönen Haus, im Stadtbezirk Magdalena del Mar, war es soweit – mein erster Tag an der Schule „Colégio de Nuestra Señora de la Luz“. Ich wurde offiziell allen Schülern vorgestellt und bekam einen „Arbeitsplan“ von Schwester Patricia - der Direktorin der Schule. Ich arbeitete mit den Kleinsten in der „Cuna“, half im Englischunterricht der Miss Anita in den Grundschulklassen und als meine Spanischkenntnisse besser wurden, erzählte ich in Geschichts- und Geographiestunden der Secundaria (Oberschule) über Europa.

Peruanische Kinder sind temperamentvoll, kreativ, herzlich und ehrlich. Vom ersten Moment an faszinierte mich ihre Freude, Spontanität und Liebe, die sie alle ohne Ausnahme mir gegenüber ausstrahlten. Die Schule ist keine Institution, es ist eine Gemeinschaft in der jeder seinen Platz hat, man sich gegenseitig hilft und den „Spaß seines Lebens“ hat. Lehrer untereinander, Lehrer mit Schülern, Lehrer mit Eltern, alle untereinander begrüßen sich mit einem „besito“ - einem schnellen Wangenkuss. Diese Geste bricht Mauern der Persönlichkeit und ermöglicht ein familiäres und offenes Verhältnis zu allen. Auch ich wurde sofort in diese Gemeinschaft mit einbezogen. Trotz meiner Sprachbarriere hatte ich immer das Gefühl ein Teil von dieser Schule zu sein und dazu zu gehören. Nie war ich alleine auf mich gestellt und nie fehlte mir die Motivation. Jeden Morgen freute ich mich auf den herzlichen Empfang der Lehrer und Eltern und auf die strahlenden Augen der Kinder. All das, was ich von den Menschen dort bekommen habe, konnte ich nicht einmal im kleinsten Teil durch meine Arbeit kompensieren. Trotzdem erfuhr ich von ihnen eine enorme Dankbarkeit für jede Tätigkeit, für mein einfaches Dasein, für meine Zeit und Energie. So neugierig, wie ich war, waren auch alle, die ich kennenlernen durfte. „Wie ist es wenn es schneit?“ „Wie sieht ein richtiger Weihnachtsbaum aus?“ „Wie ist das Essen in deinem Land?“ „Wie sagt man Guten Tag in deiner Sprache?“ „Sehen alle Menschen in Europa so aus, wie du?“ Solche und hunderte anderer Fragen beantwortete ich regelmäßig in Einzelgesprächen und während der Hofpausen. Die Zeit mit den Kindern öffnete meine Augen auf wichtige Dinge im Leben, auf das Glück der einfachen Dinge und Gesten, das im Trubel des Alltags so oft übersehen wird.

Die Missionarinnen, bei denen ich während meines Freiwilligendienstes wohnte, sind Menschen, die man so einfach nicht mit Worten beschreiben kann. So, wie ich dort aufgenommen wurde, so, wie sie sich um mich kümmerten, überschritt all meine Erwartungen. Ich war nicht nur Gast, sondern ein Familienmitglied. Ich hatte Sicherheit, immer ein offenes Ohr und all meine Bedürfnisse wurden respektiert und berücksichtigt. Ich fühlte, dass diese wertvollen Personen in kürzester Zeit meine neuen Schwestern geworden sind, mit denen ich alles teilen konnte und die mit mir alles teilten. Ich danke Gott dafür, dass ich jede von ihnen kennenlernen durfte.

Während der kurzen Ferien bereiste ich mit zwei anderen Freiwilligen aus der Slovakei eine Woche lang die peruanischen Anden, besuchte viele interessante Orte des ehemaligen Inkaimperiums und entdeckte den kulturellen und natürlichen Reichtum dieses wunderschönen Landes. Mein zweiter Ausflug ging nach Loja, nach Ecuador zum südamerikanischen Parlament der Idente Jugend. Dort lernte ich viele junge Leute aus ganz Südamerika kennen. Wir tauschten uns über viele gesellschaftsrelevante Themen aus und verbrachten gemeinsam eine fantastische Zeit.

Es waren die intensivsten zwei Monate meines Lebens und ich weiß, dass es noch viele Dinge gibt, die mir erst mit der Zeit klar werden. Ich danke den Missionarinnen in Berlin, die mich auf diese Erfahrung vorbereiteten und den Missionarinnen in Perú für alles, was ich im Herzen trage. 20.11.15 – meine Reise ist zu Ende. Ich steige in den Flieger mit einem Koffer voller Geschenke, einem Rucksack voller Früchte aus dem peruanischen Regenwald und einigen Glücks- Tränen, denn ich habe am anderen Ende der Welt ein zweites zu Hause gefunden. Paulina

PeruBilder

  • Strand
  • Schule
  • Schwestern
  • Lama